79 Joule Quadrocopter – Schlupfloch für legalen Fotoflug

Bereits im Oktober letzten Jahres habe ich über das neue „Drohnengesetz“ in Österreich berichtet. Mittlerweile ist dieses ein halbes Jahr in Kraft. Viele Fragen wurden beantwortet, manche immer noch nicht. Gänzlich unklar ist nach wie vor die 79 Joule Regelung. Hier ein paar Überlegungen dazu.

In den seit 1.1.2014 gültigen Änderungen des LFG wurde versucht eine klare gesetzliche Grundlage für den Betrieb von unbemannten Luftfahrzeugen zu schaffen. Es gibt Unterteilungen mit zahlreichen Klassen und Verwendungszwecken aus denen sich verschiedene Verbote und Genehmigungspflichten ergeben. In diesem Artikel geht es um die Freigabe von Spielzeug unter 79 Joule. Konkret klingt das so:

§ 24d. LFG:
Unbemannte Geräte bis zu 79 Joule maximaler Bewegungsenergie
Soweit unbemannte Geräte mit einer maximalen Bewegungsenergie unter oder gleich 79 Joule, die selbständig im Fluge verwendet werden können, nicht höher als 30 Meter über Grund betrieben werden, ist darauf zu achten, dass durch den Betrieb keine Personen oder Sachen gefährdet werden. Abgesehen davon fallen diese Geräte nicht in den Anwendungsbereich dieses Bundesgesetzes.

Interessant finde ich dabei vor allem den Satz, dass „diese Geräte nicht in den Anwendungsbereich dieses Bundesgesetzes“ fallen. Somit wären nämlich auch Einsatzbereiche wie „Fotoflug“ etc. legal, die anders durch die Gesetzesnovelle praktisch undurchführbar geworden sind. Theoretisch ist auch FPV Flug mit diesen Geräten gestattet. Es besteht keine Versicherungspflicht, das Gerät muss nirgends gemeldet oder „abgenommen“ werden. Fast paradiesische Zustände, wenn man es schafft unter dieser Grenze zu bleiben.

Jetzt stellt sich die Frage wie die 79 Joule Bewegungsenergie zu verstehen sind.

Kinetische Energie

Die Bewegungsenergie oder kinetische Energie berechnet sich nach der Formel: T = 1/2 x m x v2. Ausschlaggebend sind also die Masse des UAVs (unbemanntes Flugobjekt), sowie dessen Geschwindigkeit. Über die Masse besteht wenig Unklarheit, anders ist das aber bei der Geschwindigkeit.

Einerseits gibt es die Ansicht, dass man mit der Aufschlaggeschwindigkeit im Falle eines Absturzes rechnen muss, andere sehen die max. Fluggeschwindigkeit als ausschlaggebend. Wäre die Einschlaggeschwindigkeit beim Absturz relevant, so hat man das Problem, dass man diese nicht genau kennen kann. Weiters stellt sich die Frage ob man von einem Absturz aus dem max. 30m Höhe rechnen muss, oder auch damit, dass das Objekt vorher auch in größere Höhen steigt und dann abstürzt.

Absturzgeschwindigkeit

Im schlechteren Fall wäre die theoretische Absturzgeschwindigkeit zu verwenden. Diese kann man nur grob abschätzen. Sie hängt im wesentlichen von der Masse, dem Luftwiderstand und der Fallhöhe ab. Ein Mensch z.B. erreicht beim Fallschirmsprung ca. 200km/h. Springt er „luftwiderstandoptimiert“ mit dem Kopf voran, so erreicht er etwa 300km/h. Ein Quadrocopter im Spielzeugbereich hat wenig Masse, auf Grund der Rotoren jedoch relativ hohen Widerstand. Somit wäre auch eine Endgeschwindigkeit aus grosser Höhe sicher weit unter 200km/h anzunehmen.

Absturz aus 30m Höhe

hexacopter-113477_640Wesentlich für die erreichte Geschwindigkeit ist aber auch die Fallhöhe. Die Endgeschwindigkeit erreicht ein Fallschirmspringer erst nach einigen hundert Metern. Der „Spielzeugquadrocopter“ darf ohnehin nur bis 30 Meter betrieben werden. Stürzt ein Gegenstand aus 30 Metern Höhe, ohne jeden Luftwiderstand,  ab, so erreicht er eine Geschwindigkeit von ca 24 m/s = ca 90km/h. Rechnet man mit dieser Geschwindigkeit, so darf ein Quadrocopter ca. 270 Gramm haben um im erlaubten Bereich zu bleiben. In einigen Berichten wurden auch solche Werte (unter 1/4 kg) verwendet.

Diese Geschwindigkeit ergibt sich aber aus einem Sturz aus maximaler Höhe ohne Luftwiderstand, es sollte also unter realistischen Bedingungen ein Modell mit 300g oder auch etwas mehr im Limit bleiben.

Mein Quadrocopter mit ca. 1 kg ist mal aus recht beachtlicher Höhe runter gefallen und selbst bei so einem schweren Gerät hat man optisch das Gefühl, dass es nicht besonders schnell wird. Die Propeller bremsen doch massiv ab. Eine unten angebrachte ActionCam hat den Aufprall auf Asfalt schadlos überlebt, was wohl bei Geschwindigkeiten um 100km/h nicht möglich gewesen wäre. Gefühlsmäßig würde ich sagen er war DEUTLICH langsamer.

Absturz aus grosser Höhe

Muss man damit rechnen, dass der Quadrocopter vor dem Absturz „abhaut“ und somit unter Umständen aus deutlich größerer Höhe abstürzt, kann man die erreichte Endgeschwindigkeit nur noch abschätzen. Persönliche Schätzung ist aber, dass auch die erreichte Endgeschwindigkeit nicht viel höher ausfallen wird.

Absturz aus niedrigerer Höhe

Natürlich kann man aber auch die Frage stellen, was passiert wenn ich meinen Multikopter nicht bis zur maximal erlaubten Höhe von 30m betreibe. Aus 10m Höhe lassen sich tadellose Aufnahmen machen. Die Fallgeschwindigkeit ohne Luftreibung wäre dann nur noch 14m/s. Das ergibt ein „erlaubtes Gewicht“ von 800 Gramm. Berücksichtigt man den Luftwiderstand sollte ein Betrieb von einem Quadrocopter der Kiloklasse gerade noch möglich sein. Wohlgemerkt mit einer max. Höhe von 10m.

Fluggeschwindigkeit

Dass Absturzgeschwindigkeiten herangezogen werden müssen ist eine Annahme, die im Netz kursiert, die aber aus dem Gesetzestext keinesfalls herausgelesen werden kann. Genauso wird die Ansicht vertreten, dass man die maximale Fluggeschwindigkeit des Quadrocopters relevant ist. Leider ist diese mindestens genauso schwer abzuschätzen. Ein sportlich getrimmter Quadrocopter erreicht auch schnell Geschwindigkeiten, die dem des freien Falls ähnlich sind.

Stellt sich aber die Frage, was passiert, wenn ich einen Quadrocopter im GPS Modus betreibe, oder eine Flightcontrol verwende, die keine hohen Geschwindigkeiten zulässt. Üblich bei Flug im GPS Modus ist eine Limitierung auf 10m/s. Rechne ich mit 10m/s ergibt sich eine mögliche Masse von 1,6kg. Damit lassen sich einige recht brauchbare Cam-Copter betreiben. Während bei anderen Klassen eine „Kamera“ eigentlich schon Genehmigungspflicht bedeutet, weil der Multikopter nicht „ausschliesslich zum Zweck des Modellflugs“ betrieben wird, ist bei „Spielzeugen“ auch diese Limitierung aufgehoben. Man kann also z.B. mit dem Phantom Luftbildaufnahmen machen.

Fazit

Fazit daraus ist, dass man mit dem Schlupfloch des 79Joule Spielzeugs eigentlich recht ansehnliche Hobbygeräte steuern darf. Dabei sind Fotoaufnahmen, Filmaufnahmen oder auch FPV-Flug möglich. Solange keine rechtliche Klarheit geschaffen wird, dass die 79 Joule restriktiver zu interpretieren seien, bewegt man sich hier auch im legalen Rahmen.

Diese Ausführungen gelten natürlich nicht für Datenschutzangelegenheiten etc. bzgl. Fotoaufnahmen. Sie stellen auch eine Privatmeinung dar, die zwar von einem Rechtsanwalt sinngemäß bestätigt wurde, es muss aber trotzdem jeder selber entscheiden wie er hier den Gesetzestext auslegen will. Ich kann hier natürlich keinerlei Verantwortung übernehmen.

 

 


  1. Klaus

    Danke für die tolle Anregung! Also bei Fotoflug mit der DJI 4 bleib ich im verbauten Gebiet unter 10m und unter 10m/s.

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  2. Phil

    Vielen Dank für diesen Bericht!
    Mich würde es aus heutiger Sicht (November 2016) interessieren, ob Sie inzwischen juristisch fundierte Erklärungen zur 79 Joule Regel erhalten konnten, da ich selbst vor diesem Problem stehe (Gilt eine Phantom oder Mavic bzw. GoPro Karma als Spielzeug, wenn sie langsam und niedrig genug geflogen wird?) und ich an keiner Stelle eine ausreichende Antwort erhalten konnte.
    MfG Phil

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    1. Michael

      Das würde mich auch interessieren… werde wahrscheinlich Montag bei der AustroControl anrufen – schriftlich bekommt man keine Auskunft… warum wohl 😉

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  3. Theo

    Interessante Überlegung zu den 79 Joule, da die Drohnen mit akzeptabler Bildqualität immer kleiner und leichter werden (Mavic … usw). Aktuell (Dez. 2016) gilt laut Gesetz noch immer der oben zitierte Text zu den 79 Joule. Dies würde laut den angestellten Berechnung bedeuten, dass ich mit einem 1 kg Fluggerät unter bestimmten Umständen (max. 10m Höhe … usw) damit rumfliegen kann wo ich will, so zum Beispiel auch über Menschenansammlungen – da dieses Fluggerät dann ja nicht unter die gesetzl. Bestimmungen fällt. Da wird es dann darauf ankommen, wie gut der Anwalt ist, den man bei einem eventuellen Zwischenfall engagieren kann … 😉 Mein realistisches „typisch österreichisches“ Resumee: Man sollte es momentan nicht übertreiben mit der Interpretation der 79 Joule, aber ein Fluggerät mit knapp 5oo g bei „vernünftigen Bedingungen“ geflogen, sollte niemanden jucken.

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